Warum „Jeder kann laufen“ nicht für alle stimmt

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Der schönste Satz der Laufwelt – und sein Problem

„Jeder kann laufen.“ Kaum ein Satz fällt so schnell, wenn es darum geht, Menschen fürs Laufen zu begeistern. Und eigentlich steckt etwas Schönes darin. Du brauchst keinen Verein, keinen Sportplatz, keine Mannschaft und theoretisch nicht einmal besonders viel Ausrüstung. Schuhe an, Tür auf, los.

Zumindest klingt es so.

Und genau das ist der Grund, warum ich diesen Satz gleichzeitig mag und schwierig finde. Denn zwischen „Laufen ist grundsätzlich zugänglich“ und „Jeder kann einfach laufen gehen“ liegt ein ziemlich großer Unterschied.

Wer die nötige Zeit hat, sich Laufschuhe leisten kann, sich draußen sicher fühlt und einen Körper hat, der das Laufen gerade zulässt, nimmt viele dieser Voraussetzungen irgendwann gar nicht mehr als solche wahr. Sie sind einfach da.

Dabei ist genau das nicht für jeden selbstverständlich.

Vielleicht sollten wir deshalb weniger davon sprechen, dass jeder laufen kann – und öfter darüber, was Menschen eigentlich brauchen, damit sie laufen können.

 

Laufen kostet nichts! Nicht ganz!

Eines der beliebtesten Argumente für den Laufsport lautet: Laufen ist günstig. Im Vergleich zu vielen anderen Sportarten stimmt das sogar. Es gibt keine Platzmiete, keinen monatlichen Vereinsbeitrag und zunächst auch keine umfangreiche oder besonders teure Ausrüstung, die zwingend notwendig wäre.

Aber kostenlos ist Laufen deshalb noch lange nicht.

Ein vernünftiges Paar Laufschuhe kostet Geld. Dazu kommen je nach Jahreszeit Laufbekleidung, eventuell eine Stirnlampe oder reflektierende Kleidung. Wer irgendwann an Wettkämpfen teilnehmen möchte, zahlt Startgebühren und möglicherweise Fahrt- und Übernachtungskosten. Auch Sporternährung hat in der Laufwelt inzwischen einen großen Stellenwert: Gels, Riegel, Elektrolytgetränke und andere Produkte gehören für viele längst zum Training und vor allem zu längeren Läufen und Wettkämpfen dazu.

Natürlich braucht niemand eine GPS-Uhr für mehrere hundert Euro, fünf Paar Laufschuhe, die neueste Laufweste oder ein Gel für die lockere Fünf-Kilometer-Runde. Das Entscheidende dabei: Vieles davon ist nicht notwendig, fühlt sich innerhalb der Laufbubble aber irgendwann erstaunlich normal an.

Neue Schuhe für unterschiedliche Trainingseinheiten, die Anmeldung für den nächsten Halbmarathon, eine Laufuhr, Funktionskleidung für jede Wetterlage und vielleicht noch ein Marathon in einer anderen Stadt – aus einem vermeintlich günstigen Sport kann ziemlich schnell ein ziemlich teures Hobby werden.

Dabei muss man unterscheiden zwischen dem, was man tatsächlich braucht, um laufen zu gehen, und dem, was mittlerweile zur Laufkultur dazugehört. Niemand muss Wettkämpfe laufen oder eine GPS-Uhr besitzen. Aber wer an dieser Seite des Laufsports teilhaben möchte, braucht dafür eben auch die finanziellen Möglichkeiten.

Denn auch die vermeintliche Minimalausstattung muss man sich erst einmal leisten können.

Wer jeden Monat genau rechnen muss, für den sind selbst 100 oder 150 Euro für ein Paar Laufschuhe keine Kleinigkeit. Und dann hilft es wenig zu sagen, dass Laufen doch eine der günstigsten Sportarten überhaupt sei. Günstiger als etwas anderes bedeutet schließlich nicht automatisch, dass es für jeden günstig ist.

Die Laufbubble verschiebt unsere Wahrnehmung.

Wenn im eigenen Umfeld 200-Euro-Laufschuhe, die neueste GPS-Uhr, mehrere Wettkämpfe im Jahr oder ein Marathon-Wochenende mit Hotel und Anreise irgendwann normal erscheinen, verliert man leicht das Gefühl dafür, welche Summen eigentlich dahinterstecken.

Ich nehme mich da ehrlicherweise nicht aus und weiß, wie privilegiert ich durch meine selbst gewählte Lebensform bin. Ich habe keine Kinder und bin in der glücklichen Situation, bei meinen Ausgaben für mein großes Hobby Laufen nicht jeden Euro zweimal umdrehen zu müssen. Laufschuhe, Startgebühren, Laufreisen oder die eine oder andere neue Ausrüstung kann ich mir leisten, ohne lange darüber nachdenken zu müssen. Dass dieser finanzielle Spielraum keineswegs selbstverständlich ist und bei anderen Menschen ganz andere Dinge Priorität haben, sollte man sich gerade in unserer Laufbubble immer wieder bewusst machen.

Vielleicht ist Laufen also tatsächlich ein vergleichsweise günstiger Sport. Aber auch „vergleichsweise günstig“ muss man sich leisten können.

 

„Eine halbe Stunde hat doch jeder“ – Zeit ist ebenfalls ein Privileg

„Für eine kleine Laufrunde findet man immer Zeit.“ Auch so ein Satz, der schnell gesagt ist. Schließlich reichen doch schon 30 Minuten.

Nur sind 30 Minuten laufen selten nur 30 Minuten Zeitaufwand.

Umziehen, eventuell irgendwohin fahren, laufen, zurückkommen, duschen und wieder umziehen – aus einer halben Stunde werden schnell 60 Minuten. Bei einem längeren Trainingslauf entsprechend mehr. Wer nach Trainingsplan läuft und mehrere Einheiten pro Woche unterbringen möchte, braucht nicht nur einzelne freie Zeitfenster, sondern eine gewisse Regelmäßigkeit und Planbarkeit im Alltag.

Und genau diese Zeit muss irgendwo herkommen.

Wer Vollzeit arbeitet, Kinder betreut, Angehörige pflegt, mehrere Jobs hat oder einen Alltag bewältigt, der kaum planbare Freiräume lässt, kann nicht zwangsläufig einfach „früher aufstehen“ oder den Lauf auf den Abend verschieben. Manchmal gibt es diese freie Stunde tatsächlich nicht. Oder zumindest nicht dann, wenn man sie gerne hätte.

Doch freie Zeit ist nicht automatisch frei verfügbare Zeit. Zwei Menschen können auf dem Papier einen ähnlich vollen Tag haben und trotzdem vollkommen unterschiedliche Möglichkeiten besitzen, spontan eine Stunde für sich selbst einzuplanen. Der eine kann nach Feierabend direkt die Laufschuhe anziehen, während beim anderen genau dann Kinder abgeholt, Essen gekocht oder Angehörige versorgt werden müssen.

Und selbst wenn im Kalender irgendwo eine Stunde frei ist, bedeutet das noch nicht zwangsläufig, dass auch die notwendige Energie vorhanden ist. Nach einem langen Arbeitstag, einer kurzen Nacht oder einem Tag voller Verpflichtungen kann die Entscheidung gegen die Laufrunde manchmal eben nicht mangelnde Disziplin sein, sondern schlicht Erschöpfung.

Zeit zu haben und frei über diese Zeit verfügen zu können, sind zwei unterschiedliche Dinge.

Gerade in der Laufwelt wird das gerne unterschätzt. „Keine Zeit“ wird schnell als Ausrede interpretiert. Schließlich kennen wir alle die üblichen Rechnungen: Eine Woche hat 168 Stunden, für Sport braucht es davon doch nur drei oder vier. Rein mathematisch mag das stimmen. Nur besteht ein Leben eben nicht aus einer Excel-Tabelle, in der sich freie Stunden beliebig hin- und herschieben lassen.

Natürlich gibt es auch Tage, an denen „keine Zeit“ eigentlich bedeutet: Ich hatte heute schlicht keine Lust und habe lieber etwas anderes gemacht. Auch das darf man sich eingestehen. Aber daraus abzuleiten, dass jeder Mensch genügend Zeit zum Laufen hätte, wenn er es nur wirklich wollte, greift zu kurz.

Denn Zeit ist nicht nur eine Frage davon, wie viele Stunden ein Tag hat, sondern auch davon, wie viel Kontrolle wir über diese Stunden haben.

Diese Kontrolle ist ein Privileg, das man besonders leicht übersieht, wenn man selbst darüber verfügt.

Wie schwierig es selbst mit grundsätzlich vorhandenem zeitlichem Spielraum sein kann, Marathontraining, Alltag und andere Lebensbereiche unter einen Hut zu bekommen, habe ich auch in meinem Beitrag „Marathon und Leben richtig einteilen“ näher beschrieben.

 

Einfach rausgehen? Sicherheit entscheidet mit.

Für manche Menschen ist ein Lauf im Dunkeln einfach ein Lauf im Dunkeln. Andere überlegen vorher: Welche Strecke nehme ich? Ist sie beleuchtet? Laufe ich mit Kopfhörern oder lasse ich sie lieber zu Hause? Nehme ich mein Handy mit? Weiß jemand, wo ich unterwegs bin? Und was mache ich, wenn mir eine Situation oder eine Person auf einmal komisch vorkommt?

Wer solche Gedanken nicht kennt, merkt möglicherweise gar nicht, wie selbstverständlich sich die eigene Freiheit beim Laufen anfühlt. Denn einfach die Schuhe anzuziehen, die Haustür hinter sich zu schließen und loszulaufen, ohne sich vorher Gedanken über Strecke, Uhrzeit oder mögliche Risiken zu machen, ist nicht für jeden gleichermaßen selbstverständlich.

Besonders im Winter wird das deutlich. Wer morgens im Dunkeln das Haus verlässt und abends im Dunkeln zurückkommt, hat vielleicht theoretisch eine Stunde Zeit für eine Laufrunde. Praktisch bleiben aber möglicherweise nur Strecken, auf denen man sich zu dieser Uhrzeit nicht wohlfühlt. Eine unbeleuchtete Parkrunde, ein einsamer Waldweg oder eine schlecht einsehbare Strecke können bei Tageslicht wunderbar sein und sich nach Einbruch der Dunkelheit völlig anders anfühlen. Und nicht jeder hat direkt vor der Haustür eine beleuchtete und belebte Alternative.

Dabei geht es nicht ausschließlich um die Angst vor Übergriffen. Auch dichter Straßenverkehr, fehlende Gehwege, schlechte Beleuchtung oder abgelegene Strecken können darüber entscheiden, ob man sich beim Laufen sicher fühlt. Wer erst ins Auto steigen oder öffentliche Verkehrsmittel nutzen muss, um eine geeignete Laufstrecke zu erreichen, braucht wiederum mehr Zeit – und möglicherweise auch mehr Geld. An diesem Punkt greifen die verschiedenen vermeintlich kleinen Hürden plötzlich ineinander.

Hinzu kommen persönliche Erfahrungen. Wer beim Laufen schon einmal verfolgt, angepöbelt, bedrängt oder anderweitig in eine unangenehme Situation gebracht wurde, wird eine Strecke vielleicht anders wahrnehmen als jemand, der solche Erfahrungen glücklicherweise bisher nicht gemacht hat. Dass zwei Menschen auf derselben Strecke ein vollkommen unterschiedliches Sicherheitsgefühl haben können, macht das Empfinden des einen nicht weniger nachvollziehbar als das des anderen.

Die Möglichkeit, jederzeit die Schuhe anzuziehen und einfach loszulaufen, ist nicht für jeden gleich selbstverständlich.

Geschlecht kann dabei eine Rolle spielen, ist aber längst nicht der einzige Faktor. Wohnort, Umgebung, Tageszeit, Infrastruktur und persönliche Erfahrungen können ebenso beeinflussen, wie wohl oder unwohl, sicher oder unsicher sich jemand beim Laufen fühlt – unabhängig davon, welchem Geschlecht sich die Person zugehörig fühlt.

Eine Stunde freie Zeit bedeutet noch lange nicht automatisch eine Stunde, in der man auch problemlos laufen gehen kann.

Der Körper, den die Laufwelt gerne zeigt

Schaut man sich Werbung, die Inszenierung großer Laufveranstaltungen oder auch nur den eigenen Social-Media-Feed an, entsteht schnell ein ziemlich klares Bild davon, wie ein „richtiger“ Läufer auszusehen hat: schlank, fit, dynamisch, Funktionsshirt, schnelle Schuhe – und am besten sieht selbst Kilometer 30 noch erstaunlich locker aus.

Die Realität auf Laufstrecken und an Startlinien ist zum Glück deutlich vielfältiger.

Dort laufen große und kleine, leichte und schwere, junge und alte Menschen. Menschen, die einen Kilometer in vier Minuten laufen, und solche, die dafür acht oder zehn Minuten brauchen. Manche laufen einen Marathon, andere ihre ersten zwei Kilometer am Stück. Und sie alle machen im Grunde dasselbe: Sie laufen.

Trotzdem können Körpernormen eine unsichtbare Einstiegshürde sein. Wer einen größeren Körper hat, deutlich langsamer unterwegs ist, älter ist oder schlicht nicht dem Bild entspricht, das uns die Laufwelt besonders häufig präsentiert, muss möglicherweise zunächst die eigene Unsicherheit überwinden. Manchmal kommen Blicke, Kommentare oder ungefragte Ratschläge von außen hinzu.

Vielleicht kennt der eine oder andere auch diesen merkwürdigen Gedanken: Bin ich überhaupt schon Läufer? Muss ich dafür erst fünf Kilometer am Stück schaffen? Eine bestimmte Pace laufen? An einem Wettkampf teilnehmen? Muss ich „sportlich aussehen“, damit ich mich selbstverständlich zwischen all den anderen Läufern bewegen darf?

Eigentlich absurd. Schließlich fragen wir einen Menschen, der regelmäßig schwimmen geht, vermutlich auch nicht zuerst nach seiner Zeit über 1.000 Meter, bevor wir akzeptieren, dass Schwimmen sein Sport ist.

Auch die Laufindustrie selbst trägt ihren Teil dazu bei. Wenn bestimmte Körper in Kampagnen kaum vorkommen oder funktionale Laufbekleidung nur in einem begrenzten Größenspektrum angeboten wird, entsteht schnell eine unausgesprochene Botschaft darüber, für wen dieser Sport vermeintlich gemacht ist. Repräsentation mag auf den ersten Blick wie eine Nebensache wirken. Für jemanden, der gerade überlegt, mit dem Laufen anzufangen, kann es aber einen Unterschied machen, ob er Menschen sieht, in denen er sich selbst wiedererkennt.

Hinzu kommt, dass wir einem Körper seine Leistungsfähigkeit nicht ansehen können. Ein schlanker Körper ist nicht automatisch ein fitter Körper. Ein größerer Körper ist nicht automatisch ein untrainierter Körper. Alter verrät wenig darüber, welche Pace jemand laufen kann. Und spätestens bei einem Volkslauf erlebt man regelmäßig, wie schnell sich vermeintliche Erwartungen an der Realität erledigen.

Wir sollten also auch unsere Vorstellung davon hinterfragen, wann jemand „wie ein Läufer“ aussieht.

Denn Läufersein beginnt weder bei einer bestimmten Pace noch bei einer bestimmten Distanz, Kleidergröße oder Körperform. Es gibt keine Aufnahmeprüfung und auch keinen Moment, ab dem man sich diese Bezeichnung erst verdient hat.

Das Problem ist nicht, dass nur bestimmte Körper laufen können. Sondern dass wir manchmal so tun, als würden nur bestimmte Körper dazugehören.

Und wenn wir wirklich davon sprechen wollen, dass Laufen für alle da ist, sollte sich dieses „alle“ nicht nur an der Startlinie wiederfinden – sondern auch in den Bildern, Geschichten und Produkten, mit denen sich die Laufwelt selbst präsentiert.

Und manchmal kann ein Mensch tatsächlich nicht einfach laufen

Bis hierhin ging es vor allem um Hürden, die das Laufen schwieriger machen. Um Geld, Zeit, Sicherheit oder darum, ob man sich in der Laufwelt überhaupt willkommen und zugehörig fühlt. Es gibt aber auch Situationen, in denen es nicht darum geht, ob jemand die richtigen Schuhe, genügend Zeit oder eine geeignete Strecke hat.

Manchmal kann ein Mensch schlicht nicht laufen.

Eine Verletzung kann uns von heute auf morgen ausbremsen. Chronische Erkrankungen, Behinderungen oder andere körperliche Einschränkungen können dazu führen, dass Laufen nur eingeschränkt, in angepasster Form, zeitweise oder überhaupt nicht möglich ist. Und während eine Verletzung vielleicht nach einigen Wochen oder Monaten ausgestanden ist, gibt es körperliche Voraussetzungen, die sich nicht einfach wegtrainieren lassen.

Gerade für Menschen, die gerne laufen würden und es nicht können, kann ein gut gemeintes „Jeder kann laufen“ deshalb einen ganz anderen Klang bekommen. Denn manchmal fehlen weder Motivation noch Disziplin oder der Wille, es zu versuchen. Manchmal setzt schlicht der eigene Körper Grenzen.

Nicht jede Einschränkung ist von außen sichtbar. Wir können einem Menschen nicht ansehen, ob und wie weit er laufen kann. Genauso wenig wissen wir, warum jemand nach wenigen hundert Metern eine Gehpause macht, warum er besonders langsam läuft oder weshalb er überhaupt nicht läuft. Trotzdem sind wir manchmal erstaunlich schnell mit vermeintlich motivierenden Ratschlägen zur Stelle: „Fang einfach langsam an“, „Du musst nur dranbleiben“ oder „Das kommt mit dem Training“.

Wer selbst schon einmal wegen einer Verletzung pausieren musste, kennt zumindest einen kleinen Teil dieses Gefühls. Plötzlich funktioniert etwas nicht mehr, was vorher selbstverständlich war. Die Laufschuhe stehen an der Tür, die gewohnte Runde beginnt direkt vor dem Haus, vielleicht wäre sogar genügend Zeit da – und trotzdem geht es nicht. Das kann frustrierend sein. Und es zeigt ziemlich deutlich, dass zwischen laufen wollen und laufen können eben doch ein Unterschied besteht.

Gleichzeitig wäre es genauso falsch, Menschen aufgrund einer Erkrankung, Behinderung oder körperlichen Einschränkung vorschnell abzusprechen, was für sie möglich ist. Sport kann unglaublich vielfältig und inklusiv sein. Menschen finden individuelle Wege, passen Training an ihre Voraussetzungen an, nutzen Hilfsmittel oder schaffen sportliche Leistungen, die andere ihnen vielleicht niemals zugetraut hätten.

Es geht deshalb nicht darum, von außen festzulegen, wer laufen kann und wer nicht. Es geht darum anzuerkennen, dass wir die Voraussetzungen eines anderen Menschen nicht kennen und deshalb auch nicht beurteilen können, was für ihn möglich sein müsste.

Genau hier liegt für mich das Problem des Satzes „Jeder kann laufen“. Er möchte Mut machen und Grenzen einreißen, macht dabei aber gleichzeitig eine sehr unterschiedliche körperliche Realität unsichtbar.

„Trau dir etwas zu“ lässt einem Menschen die Freiheit herauszufinden, was für ihn möglich ist. „Jeder kann das“ behauptet dagegen schon zu wissen, wo diese Möglichkeit liegt.

Diesen Unterschied sollten wir öfter im Hinterkopf behalten, bevor aus gut gemeinter Motivation ungewollt Druck wird.

Vielleicht brauchen wir einen anderen Satz

Nach all diesen Punkten möchte ich den Satz „Jeder kann laufen“ trotzdem nicht komplett aus unserem Wortschatz streichen. Denn hinter ihm steckt ein Gedanke, den ich eigentlich sehr mag: Laufen kann ein unglaublich zugänglicher Sport sein.

Du musst nicht schnell sein.

Du musst keine bestimmte Distanz schaffen.

Du musst keinen Wettkampf laufen.

Du musst keine bestimmte Pace erreichen und auch nicht zehn Kilometer am Stück schaffen, bevor du dich Läufer oder Läuferin nennen darfst. Zwei Kilometer zählen. Run-Walk zählt. Die gemütliche Runde durch den Park zählt genauso wie das Training für die nächste Bestzeit. Wer läuft, läuft.

Und vielleicht ist genau das gemeint, wenn wir sagen: „Jeder kann laufen.“ Dass die Einstiegshürde niedrig ist, dass es vergleichsweise wenig braucht und dass Leistung keine Voraussetzung dafür sein sollte, sich diesem Sport zugehörig zu fühlen.

Nur ist eine niedrige Einstiegshürde eben nicht dasselbe wie keine Einstiegshürde.

Denn wer selbst regelmäßig läuft, vergisst schnell, was dafür im eigenen Leben längst selbstverständlich geworden ist. Dass ein Paar passende Laufschuhe im Schrank steht. Dass genügend finanzieller Spielraum für das Hobby vorhanden ist. Dass irgendwo im Alltag eine freie Stunde zu finden ist. Dass eine Strecke vor der Haustür liegt, auf der man sich wohl und sicher fühlt. Dass man sich in der Laufwelt willkommen fühlt. Und nicht zuletzt, dass der eigene Körper das Laufen gerade zulässt.

Wir sollten deshalb nicht selbstverständlich davon ausgehen, dass jemand, der nicht läuft, einfach nur anfangen müsste. Denn hinter einem „Ich gehe nicht laufen“ können ganz unterschiedliche Gründe stecken – und längst nicht jeder davon lässt sich mit ein bisschen mehr Motivation aus dem Weg räumen.

Das macht Laufen für mich nicht weniger besonders. Im Gegenteil. Dieser Blick kann sogar dabei helfen, ein bisschen mehr wertzuschätzen, wie viele Dinge zusammenkommen müssen, damit wir selbst einfach die Schuhe anziehen und loslaufen können.

Laufen kann unglaublich zugänglich sein. Aber zugänglich ist nicht dasselbe wie voraussetzungslos.

Oder wir brauchen tatsächlich einen anderen Satz:

Laufen sollte für jeden möglich sein, der laufen möchte.

Denn dann fragen wir nicht mehr, warum jemand nicht einfach losläuft. Wir unterstellen weder fehlende Motivation noch mangelnde Disziplin und entscheiden auch nicht darüber, was ein anderer Mensch eigentlich können müsste.

Wir stellen stattdessen eine viel interessantere Frage:

Was hält Menschen davon ab, laufen zu können, obwohl sie es gerne möchten?

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