Ich weiß, wie man einen Marathon einteilt – aber nicht immer mein eigenes Leben.
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Es ist Sonntagabend. Eigentlich einer dieser Momente, in denen man zufrieden auf die vergangene Woche zurückblicken könnte. Ich war arbeiten, habe mein Training durchgezogen, Freunde getroffen und die üblichen Dinge erledigt, die eben erledigt werden müssen.
Trotzdem sitze ich auf der Couch und denke an die Dinge, die in der vergangenen Woche und am Wochenende mal wieder nicht passiert sind.
Das regelmäßigere Schreiben an diesem Blog, das Buch fertig lesen, das jetzt wirklich nur noch einmal in der Bibliothek verlängert werden kann, das Telefonat ohne Anlass mit der besten Freundin. Es gäbe noch unzählige weitere Dinge, die nicht passiert sind.
Aber ich bin doch durch die Dinge die ich geschafft habe, schon so erschöpft, mehr bekomme ich wirklich nicht mehr unter. Warum hat mein Tag nur 24 Stunden und der von anderen gefühlt so viele mehr? Man sagt mir nach – und ja, das würde ich sogar selbst unterschreiben –, dass ich strukturiert und organisiert bin. Umso mehr frage ich mich manchmal, warum mir trotzdem ständig die Zeit davonläuft.
Ist das schon Erschöpfung?
Die meisten Menschen verbinden Ausgebrannt sein mit einem stressigen Job, Problemen oder Krisen. Aber deutlich weniger wird darüber gesprochen, dass man auch erschöpft sein kann, obwohl die einzelnen Bestandteile des Lebens eigentlich positiv sind. Man glaubt sehr leicht, dass Stress durch Dinge entsteht, die man nicht machen möchte. Manchmal entsteht er aber durch die Vielzahl an Dingen, die man eigentlich gerne machen möchte.
Ich bin nicht erschöpft, weil ich mein Leben nicht mag. Ich bin manchmal erschöpft, weil ich versuche, allen Dingen gerecht zu werden, die ich mag. Und vielleicht liegt genau darin der Widerspruch. Die Dinge, die mir Energie geben, kosten gleichzeitig auch Energie. Nicht weil sie schlecht wären, sondern weil sie Zeit, Aufmerksamkeit und Präsenz verlangen.
Wenn selbst das Laufen zur Verpflichtung wird
Früher war das Laufen für mich die Flucht aus dem Alltag. Wenn der Arbeitstag vorbei war, zog ich die Laufschuhe an und ließ alles andere für eine Weile hinter mir. Es gab keine Erwartungen, keine Vorgaben und keinen Trainingsplan. Ich lief einfach los, weil ich Lust darauf hatte.
Heute ist das anders. Das Laufen ist längst nicht mehr nur die Pause vom Alltag – es ist selbst ein fester Bestandteil meines Alltags geworden. Die Laufeinheiten stehen im Kalender, Wettkämpfe sind geplant und irgendwo im Hinterkopf schwirren immer die nächsten Ziele herum. Das ist grundsätzlich nichts Schlechtes. Im Gegenteil: Dass das Laufen einen so festen Platz in meinem Leben eingenommen hat, zeigt schließlich, wie wichtig es mir geworden ist.
Und trotzdem entsteht dadurch manchmal ein Konflikt, den ich früher nicht kannte.
Laufe ich heute, weil ich wirklich laufen möchte? Oder laufe ich, weil die Einheit im Trainingsplan steht? Weil ich weiß, dass in ein paar Wochen ein Wettkampf ansteht? Weil ich keine Trainingseinheit auslassen möchte?
Die meisten Tage stellt sich diese Frage gar nicht. Ich freue mich auf meine Läufe und genieße die Zeit draußen genauso wie früher. Aber es gibt eben auch diese Tage, an denen die Beine schwer sind, der Arbeitstag länger war als geplant und die Couch plötzlich deutlich attraktiver wirkt als die Laufschuhe.
Früher hätte ich an solchen Tagen wahrscheinlich einfach auf mein Gefühl gehört. Heute beginne ich manchmal zu verhandeln. Mit mir selbst. Noch eine Stunde laufen oder lieber ausruhen? Training durchziehen oder auf morgen verschieben? Aus einer Leidenschaft wird plötzlich eine Entscheidung, die Energie kostet.
Vielleicht ist das der Preis, wenn aus einem Hobby eine echte Leidenschaft wird. Man investiert mehr Zeit, setzt sich Ziele und entwickelt Ambitionen. Gleichzeitig wächst aber auch die Gefahr, dass aus dem „Ich möchte laufen“ irgendwann ein „Ich sollte laufen“ wird.
Dabei versuche ich mir immer wieder bewusst zu machen, warum ich überhaupt mit dem Laufen angefangen habe. Nicht wegen Trainingsplänen, Kilometern oder Bestzeiten. Sondern wegen dieses Gefühls von Freiheit. Wegen der Bewegung. Wegen der Zeit mit meinen Gedanken. Und vielleicht ist genau das die wichtigste Erinnerung: Dass hinter jedem Trainingsplan immer noch dieselbe Leidenschaft steckt, die mich vor Jahren überhaupt erst auf die Laufstrecke gebracht hat.
Das Laufen zeigt die Grenzen der verfügbaren Zeit
Wer nicht selbst läuft, denkt vielleicht: „Dann gehst du eben eine Stunde laufen.“
Und ehrlich gesagt habe ich früher ähnlich gedacht.
Heute weiß ich, dass eine Stunde Training selten nur eine Stunde bedeutet.
Gerade wenn man nebenbei einen Vollzeitjob hat, muss die Zeit irgendwo herkommen. Deshalb klingelt mein Wecker an Trainingstagen gerne schon um fünf Uhr morgens. Nicht weil ich besonders gerne so früh aufstehe, sondern weil der Tag später bereits mit anderen Verpflichtungen gefüllt ist.
Ein typischer Morgen sieht dann ungefähr so aus:
· 05:00 Uhr – Der erste Wecker klingelt.
· 05:10 Uhr – Der zweite meistens auch.
· 05:15 Uhr – Bad, Zähne putzen, langsam wach werden.
· 05:25 Uhr – Die Kaffeemaschine übernimmt den schwierigsten Teil des Morgens.
· 05:30 Uhr – Laufklamotten anziehen.
· 05:35 Uhr – Kaffee, Banane oder ein Riegel.
· 05:40 Uhr – Aufwärmen.
· 05:55 Uhr – Schuhe an und raus aus der Tür.
· 06:00 Uhr – Lockeres Einlaufen.
· 06:15 Uhr – Die eigentliche Trainingseinheit beginnt.
· 07:00 Uhr – Auslaufen und Dehnen.
· 07:15 Uhr – Wasser. Sehr viel Wasser.
· 07:25 Uhr – Der obligatorische Blick auf die Laufuhr und Strava.
· 07:30 Uhr – Nachschwitzen.
· 07:45 Uhr – Duschen und für den Arbeitstag fertig machen.
· 08:15 Uhr – Frühstück vorbereiten.
· 08:30 Uhr – Arbeitsbeginn.
Und das war jetzt „nur“ ein einstündiger Lauf.
Natürlich beschwere ich mich nicht darüber. Das Laufen ist schließlich etwas, das ich bewusst in mein Leben integriert habe und auf das ich nicht verzichten möchte. Aber solch ein Morgen macht deutlich, warum die Frage nach der verfügbaren Zeit irgendwann unausweichlich wird.
Denn neben der eigentlichen Laufeinheit gehören auch Regeneration, Schlaf, Ernährung und die kleinen Routinen davor und danach dazu. Wer ambitioniert trainiert, investiert nicht nur Zeit in den Sport selbst, sondern in das gesamte Drumherum.
Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum andere Dinge manchmal zu kurz kommen. Nicht weil das Laufen zu viel Raum einnimmt, sondern weil die Tage irgendwann einfach nicht mehr größer werden. Egal wie gut man plant, wie früh man aufsteht oder wie effizient man versucht zu sein.
Und trotzdem würde ich keinen dieser Läufe eintauschen wollen. Viele meiner schönsten Erinnerungen der letzten Jahre hängen direkt mit dem Laufen zusammen. Neue Orte, Wettkämpfe, Begegnungen mit anderen Läufern oder einfach diese ruhigen Morgenstunden, wenn die Stadt noch schläft. Vielleicht macht genau das die Situation manchmal so schwierig: Es sind nicht die ungeliebten Dinge, die um Zeit konkurrieren, sondern die, die einem wirklich etwas bedeuten.
Wenn die schönen Dinge gerade wegen des Laufens darunter leiden
Wer kennt es nicht? Ständig setzt man Prioritäten, obwohl man eigentlich allem die gleiche Aufmerksamkeit schenken möchte. Dem Job, den Menschen, die einem wichtig sind, den eigenen Interessen – und natürlich dem Laufen.
Dabei ist das Laufen für mich nicht einfach irgendein Hobby. Es ist meine größte Leidenschaft. Es ist der Ausgleich vor oder nach einem langen Arbeitstag, die Zeit, in der ich abschalten kann, neue Gedanken entwickle und oft auch die Inspiration für viele Artikel und Ideen auf diesem Blog finde. Ohne das Laufen gäbe es diesen Blog vermutlich gar nicht.
Und genau darin liegt eine gewisse Ironie.
Nach acht Stunden Arbeit, einer Trainingseinheit und den alltäglichen Verpflichtungen fehlt mir aktuell oft die Energie, mich abends noch an den Laptop zu setzen. Nicht, weil ich keine Lust habe zu schreiben. Ganz im Gegenteil. Während eines lockeren Dauerlaufs entstehen regelmäßig Ideen für neue Beiträge. Manchmal formuliere ich ganze Absätze gedanklich vor oder nehme mir fest vor, ein bestimmtes Thema endlich aufzuschreiben. Doch wenn ich später zu Hause bin, gegessen habe und der Tag langsam zu Ende geht, bleibt es oft bei der Idee.
Besonders auffällig ist dabei, dass häufig genau die Dinge hinten herunterfallen, die einem eigentlich sehr viel bedeuten. Schreiben, Lesen oder einfach mal ohne festen Plan in den Tag hineinleben – all das sind Dinge, die ich gerne mache und die mir guttun. Aber sie sind selten dringend. Niemand wartet auf den nächsten Blogartikel. Niemand setzt mir eine Frist oder fragt nach einem neuen Beitrag.
Das Training hingegen steht im Kalender. Der Lauf findet zu einer bestimmten Zeit statt. Der Arbeitstag beginnt pünktlich am nächsten Morgen. Und so rutschen die Herzensprojekte immer wieder nach hinten.
Vielleicht ist das die eigentliche Herausforderung: Nicht die Motivation für die Dinge zu finden, die man liebt, sondern die Zeit und Energie dafür. Denn manchmal sind es ausgerechnet die schönen Dinge im Leben, die miteinander um Aufmerksamkeit konkurrieren.
Die Erkenntnis, die ich eigentlich nicht haben wollte
Immer wieder dachte ich, ich muss mich noch besser organisieren, ich muss noch mehr Routinen etablieren. Inzwischen glaube ich aber, dass die Wahrheit deutlich einfacher und gleichzeitig unangenehmer ist: Ein Tag hat nur 24 Stunden (wer hat sich das eigentlich einfallen lassen?).
Und so versuche ich langsam zu akzeptieren, dass nicht jede Woche Platz für alles bietet, dass manche Dinge einfach warten müssen.
Vielleicht besteht die eigentliche Herausforderung gar nicht darin, alles unter einen Hut zu bekommen. Vielleicht besteht sie darin, zu akzeptieren, dass manche Dinge zeitweise weniger Aufmerksamkeit bekommen als andere. Nicht weil sie unwichtig geworden sind, sondern weil man sich nicht gleichzeitig auf alles konzentrieren kann.
Schlussgedanke
Warum schreibe ich diesen Artikel eigentlich? Nicht, weil ich die ultimative Antwort für mich gefunden habe. Ich glaube, ich erinnere mich einfach gerade selbst daran, dass Dinge die manchmal zu kurz kommen, oft genau die Dinge sind, die uns wichtig sind. Und ich bin der Überzeugung, dass man nichts falsch macht, sondern dass man versucht, ein volles Leben zu leben. Vielleicht schreibe ich diesen Artikel auch deshalb. Nicht um eine Lösung zu präsentieren, sondern um festzuhalten, dass ich mit diesem Gefühl wahrscheinlich nicht allein bin.
Beim Marathon akzeptieren wir ganz selbstverständlich, dass wir unsere Kräfte einteilen müssen. Niemand sprintet die ersten zehn Kilometer und erwartet, die restlichen 32 Kilometer problemlos zu schaffen. Im Alltag versuchen wir aber oft genau das und wundern uns, warum uns die Energie nicht reicht.
In diesem Sinne, „Ich weiß (manchmal) wie man einen Marathon einteilt, aber nicht immer mein eigenes Leben“ ;-)

